Zum geplanten Orgelprojekt in der Basilika St. Lorenz / Kempten
Aus der Sicht des Orgelsachverständigen


Wozu das Ganze? Warum startet die Kirchenstiftung St. Lorenz in Kempten eine umfangreiche und kostspielige Neuorganisation der Orgelanlage in ihrer Pfarrkirche, der Basilika St. Lorenz – dem Dom des Allgäus? Die jetzige(n) Orgel(n) werden doch derzeit in den Gottesdiensten und sogar in Konzerten gespielt. Ist diese Maßnahme wirklich notwendig oder ein überflüssiges Luxusprojekt?

Ein Blick zurück

Für eine Antwort auf solche Fragen lohnt zunächst ein Blick in die Vergangenheit: Bis ins 19. Jahrhundert gab es in St. Lorenz nur die beiden Orgeln auf der Süd- und der Nordempore im Chorraum mit ihren bis heute erhaltenen, sehr schönen barocken Prospekten. Erst nach der Mitte des 19. Jahrhunderts wird die Westempore der Basilika errichtet, auf der 1866 eine Orgel der damals sehr renommierten Orgelbauwerkstatt Walcker aus Ludwigsburg aufgestellt wird. In der Folge wird auf den Chororgeln nicht mehr musiziert, der Ort der Kirchenmusik in St. Lorenz ist ab dieser Zeit die Westempore mit der Hauptorgel.

Umbau 1939

In den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts entsteht der Wunsch, diese Orgel zu erweitern. Dies ist der stilistischen Weiterentwicklung der Orgelmusik und dem Wunsch geschuldet, auch größere Werke der Orgelmusik adäquat darstellen zu können. Es kommt zu einer Erweiterung und einem durchgreifenden Umbau der Hauptorgel (Einbau eines Schwellwerks als III. Manual, zusätzliche Register in den übrigen Werken, Umstellung auf elektropneumatische Traktur, neuer Spieltisch, neuer Prospekt u. a. m.). Die erneuerte Orgel wird 1940 eingeweiht.
Die beiden Chororgeln sind zu diesem Zeitpunkt wohl bereits nicht mehr spielbar. In die beiden Orgelgehäuse werden erst 1963 wieder Instrumente eingebaut. Diese neuen Chororgeln sind untereinander und mit der Hauptorgel auf elektrischem Weg verbunden und können zusammen gespielt werden.

Versuch zahlreicher Korrekturen in Klang und Technik
Sowohl die Hauptorgel als auch die Chororgeln sind seither mehrfach technisch umgebaut und klanglich verändert worden. Warum? Der Klang der drei Instrumente war wohl nie wirklich überzeugend, auch wenn man immer wieder schlechte Register gegen neue, vermeintlich bessere ausgetauscht hat, auch wenn die Chororgeln zuletzt 1997 neu konzipiert und vergrößert worden sind.
Die Hauptorgel präsentiert sich heute insgesamt klanglich leider sehr unausgewogen: Es gibt zwar durchaus nicht wenige klangschöne Stimmen - die meisten davon stammen aus der ursprünglichen Walckerorgel von 1866. Aber viele derjenigen Register, die man in 1938-40 hinzugefügt hat, wollen zu den Stimmen von 1866 nicht recht passen. Alle bisherigen Versuche dies zu verbessern, sind nicht gelungen. So ist der Klang der Hauptorgel sowohl im Piano- als auch im Fortebereich in sich nicht geschlossen und fällt auseinander.

Bei den Chororgeln hat man bei den durchgeführten Umbauten viel zu viele Register in die historischen Gehäuse eingebaut, dazu mussten sogar wichtige Teile der historischen Gehäuse zersägt werden. Auch sind dadurch die Instrumente für Wartungs- und Stimmungsarbeiten fast nicht mehr zugänglich, und die Klangentfaltung der Chororgeln ist völlig unzureichend.

Dringender Handlungsbedarf
Diese jetzige, alles in allem unbefriedigende Situation hat nun, nach ausführlichen Diskussionen der beteiligten Gremien und Fachstellen, zur Erkenntnis geführt, dass kleinere Verbesserungsmaßnahmen an der jetzigen Konzeption der Instrumente nicht zielführend sein werden, um eine für die kirchenmusikalischen Anforderungen in der Basilika adäquate und für Musiker, Gottesdienst- und Konzertbesucher deutlich hörbare Verbesserung der Orgelsituation zu erreichen. Die in den letzten Jahren stetig ansteigenden Probleme mit Schimmelbefall, Störungen in der Elektrik und in der Windzufuhr, sowie der Ermüdung des Pfeifenmaterials zwingen die Verantwortlichen zu baldigem Handeln. Aus diesem Grund steht nun am Ende der langen Überlegungen die Entscheidung der Kirchenstiftung die Orgelanlage in St. Lorenz komplett neu zu gestalten und zu organisieren:

Sanierung der Hauptorgel
Bei der Hauptorgel sollen die noch vorhandenen Pfeifen und Teile der Walcker-Orgel von 1866 wieder mit entsprechender Technik, Windversorgung und Intonation in ursprünglicher Schönheit erklingen. Register von 1938, die entsprechende Klangreserven haben, werden zusammengefasst und ergänzen die Hauptorgel in einem eigenen Werk (Schwellwerk). Wenige neue Register werden die Disposition der Hauptorgel abrunden. Die elektropneumatischen Windladen der jetzigen Orgel bleiben erhalten. Der Spieltisch wird technisch und funktional entsprechend erneuert.

Nordorgel
Für die Chororgeln zeichnet sich folgende Lösung ab: Beide Instrumente werden technisch und klanglich umfassend erneuert.
Die nördliche Evangelienorgel soll künftig insbesondere für die Begleitung der liturgischen Feiern im Chorraum dienen. Sie erhält eine eingebaute Spielanlage, wird dazu aber auch vom Spieltisch der Hauptorgel aus spielbar sein. Das Instrument soll 18 Register umfassen, die sich auf zwei Manuale und Pedal verteilen (Schleifladen mit mechanischer Spiel- und elektrischer Registertraktur). Klanglich wird sich das Werk an Instrumenten des späten 18. bzw. frühen 19. Jahrhunderts orientieren, um so auch stilistisch eine gewisse Brücke zur Hauptorgel mit ihren Stimmen von 1866 zu schlagen.

Südorgel
Für die südliche Epistelorgel ist ein anderes Konzept vorgesehen: Hier wird ein Werk angestrebt, das sich konsequent an einer einmanualigen süddeutschen Orgel der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts orientiert. Beide Chororgeln von St. Lorenz waren ursprünglich solche Instrumente, wobei sie aber nie gleichzeitig miteinander gespielt werden konnten, da sie unterschiedlich gestimmt waren. Von der Spielanlage der ursprünglichen Epistelorgel sind noch Fotos überliefert, die für die Konzeption des neuen Instruments gute Anhaltspunkte liefern: Das Werk soll 13 Register erhalten, 11 im Manual, 2 im Pedal. Manual und Pedal werden historisch konsequent mit sog. kurzer Oktav gebaut. Die Register werden wie bei der ursprünglichen Orgel mit senkrecht verschiebbaren Eisenhebeln betätigt. Die Windversorgung übernimmt eine Keilbalganlage. Eine entsprechende historische Stimmung (Temperierung) des Werks ist selbstverständlich. Dieses spezielle Instrument soll künftig insbesondere auch dazu dienen, das reiche kirchenmusikalische Erbe der Fürstabtei Kempten weiter zu erschließen. Mit einem solchen Instrument können die zahlreichen überlieferten Kompositionen in authentischer Weise musiziert und zum Klingen gebracht werden.


P. Stefan Ulrich Kling, OPraem
Leiter des Amts für Kirchenmusik im Bischöflichen Ordinariat Augsburg,
amtlicher Orgelsachverständiger im Bistum Augsburg